Die Reise nach Tokyo bestand aus rund elf Stunden Zugfahren. Dieses Mal konnten wir Hokkaido, den nördlichen Teil von Honshu und die Tokyo-Area bei Tageslicht betrachten. Sehr witzig war die Ankunft und Abfahrt in Aomori. Im Gegensatz zu unserem ersten Eintreffen in Aomori auf der Hinfahrt nach Sapporo waren wir jetzt aber gewarnt: Aomori ist ein Sackbahnhof, dh. nach Erreichen des Ziels muss der Zug irgendwie wenden. Aussen ist das einfach: Man hängt die Front-Lokomotive ab und hängt eine neue hinten an, resp. man fährt mit der alten Lok an die neue Zugsspitze und verbindet sie mit der Last (auch hier gilt: wer gerne lernen möchte, wie man mit Güterzügen rangiert: Verkehrshaus in Luzern). Was geschieht jedoch im Innern des Zugs, wo die Sitze prinzipiell in Fahrtrichtung ausgerichtet sind? Man wendet sie! In Japan ist es in wohl in allen Zügen möglich, die Sitzkombinationen um 180° zu wenden. Dieses ganze Szenario ist so wichtig. Der Japanische Zugfahrer verhält sich eigentlich meistens äusserst ruhig (ausser Schulklassen und Pro-Senektute-Reisen). Man liest, hört Musik, arbeitet, starrt zum Fenster raus, unterhält sich höchstens leise mit seinem Sitznachbarn, telefoniert auf keinen Fall im Zug (Dies ist explizit unerwünscht! Telefoniert wird im Zwischenraum zweier Waggons.). Dann kommt der Bahnhof von Aomori. Alles springt von den Sitzen, einige steigen aus, andere steigen ein, der Rest verstaut sein Gepäck an irgendwelchen temporären Ablageflächen, man bringt die Rückenlehnen wieder in eine vertikale Lage, dreht seine Sitzkombination um 180°, sucht seine Wertsachen und sein Gepäck wieder zusammen, diskutiert, wer jetzt vorhin wo gesessen ist, quetscht sich zwischen gestikulierenden und re-arrangierenden Fahrgästen hindurch, verstaut sein Hab und Gut wieder, wo man es später wieder findet, setzt sich wieder hin und versucht so schnell wie möglich eine unauffällige, ruhige Sitzposition wieder einzunehmen. Da natürlich jeder der erste sein will, gibt das ein Riesenchaos, vor allem wenn gewisse Fahrgäste noch schlafen und gar nicht realisieren, was eigentlich abgeht und so natürlich seine ganze Nachbarschaft im Wettbewerb behindert.
Dabei sei vielleicht das Zugfahren in Japan allgemein noch erwähnt. Ich habe vor meiner Reise gewusst, dass die Schweizer in Sachen ÖV nur zweitrangig sind. Aber dass wir so weit hinter der Nummer 1 sind, hätte ich nicht gedacht! In Japan gibt es für die langen Strecken (Nein, Zürich - Genf ist keine lange Strecke!) die Shinkansen, welche mit bis zu 300km/h durch das Land donnern, bei den Shinkansen wird dann noch zwischen 'Regionalzug', welcher an jeder Shinkansen-Haltestelle kurz wartet, 'Normal' (hält an den wichtigsten Bahnhöfen) und 'Limitiert' - vielleicht ein Zwischenhalt pro Strecke - unterschieden. Nach unserer ersten Shinkansen-Fahrt (bei unserer Ankunft von Hakata nach Osaka) habe ich mir noch gedacht 'Ok! Japan wird die Nummer 1 sein, weil ihre Interregios einfach schneller sind und cooler aussehen.' Zusätzlich gibt es jetzt aber noch 'Limited Express' in den einzelnen Landesteilen, welche dort die wichtigsten Städte miteinander verbinden - vergleichbar mit unserern Interregios. Dann gibt es noch die Regionalzüge, welche wirklich in jedem Kaff anhalten. In den grösseren Städten gibt es dann noch Züge, auf einem Netz wie bei uns ein grobes Bus- oder Tramnetz, welche die Leute von der ganzen Metropolitan Area ins Stadtinnere bringen. Für den Verkehr innerhalb der Stadt sind dann die Subways und die Busse/Trams zuständig. Und dies bei einer Fahrplandichte, bei welcher es sich lohnt einfach mal an die nächste Haltestelle zu laufen - es kommt ja eh grad etwas. Hinzu kommt noch, dass der Komfort wirklich 1A ist. Ausser bei den Kaff-Regionalzügen lässt sich, lassen sich bei allen Zügen die Sitzlehnen einstellen, manchmal sogar noch die Kopfstütze und das Sitzpolster. Und Platz ist meistens auch genügend da, dass sich ein knapper Doppelmeter wie ich nicht zuerst eine halbe Stunde wenden muss, bis er die einzige bequeme Schlafposition gefunden hat. Da fahre ich lieber in einem Japanischen Regionalzug als in einer Boeing 747. Was es als einziges anzukreiden gibt, ist dass alle Züge extrem unruhig in den Schienen liegen. Sogar im Shinkansen 'Superexpress' muss man sich festhalten, wenn man kurz aufs Klo laufen möchte und nicht beim Nachbarn im Schoss landen will.
Nachdem wir unseren letzten zug verlassen haben, wurden wir an einem Bahnhof in den Yokohama Outskirts bereits von einer Freundin von Kens Mutter, bei welcher wir die Zeit in Tokyo verbringen konnten, abgeholt. Nach einem kurzen Nachtessen fuhren wir noch nach Yokohama um dort unseren Railpass zu verlängern und um das Zentrum ein wenig anzuschauen.
Tag 1 in Tokyo bestand dann zuerst einmal in der Orientierung in der Riesenmetropole. (Die Metropolitan Area von Tokyo umfasst rund 30 Millionen Einwohner, einzigartig auf der ganzen Welt.) Mit einer Kombination von Lonely Planet, Stadtkarte und Subwaymap haben wir uns dann bald einmal zurecht gefunden. Wir haben den Garten des kaiserlichen Palasts besucht, sind die Ginza ('Bahnhofstrasse' von Tokyo) hinauf und hinuntergelaufen und haben uns in eine Elektro-Goods-Neighbourhood in Akihabara begeben. Zum Schluss sind wir noch ein preiswertes Sushirestaurant gesucht, welches wir dann in den Tokyo Suburbs auch gefunden haben.
Am Tag darauf haben wir uns den Norden von Tokyo vorgenommen. Zuerst haben wir den umstrittenen Yasukuni-Jinja besucht. Er soll an Japans Kriegstote seit 1853 erinnern. Umstritten ist er deshalb, weil sich unter diesen Toten auch einige Kriegsverbrecher befinden. Auch besuchen einige Japanische Politiker jährlich den Schrein, was besonders im nahen Ausland auf herbe Kritik stösst. Später sind wir dann nach Ueno gefahren, wo wir einen Markt für allerlei Kitsch und Ramsch (und Oldschool-Trainerhosen!) gefunden haben. In Asakusa - im Nordosten Tokyos haben wir beim Senso-ji vorbeigeschaut. Zum Schluss sind wir noch nach Ikebukuro gehoppst, wo sich zwei der grössten Einkaufszentren der Welt befinden. In Sunshine City - 'A city inside a building' - haben wir dann etwas zum Essen gesucht und ein Konzert einer Japanischen Boygroup gefunden. Jesses Gott, können die Japanischen Mädchen kreischen. Vom dritten Stock aus habe ich dann mein erstes Bootleg gemacht. Zwei Lieder, eins davon scheint ein topakuteller Hit zu sein. Die Gitarrenklänge des Strassenmusikanten auf dem Weg zum Bahnhof haben mir zwar weitaus besser gefallen, aber das interessiert ja eh niemanden...
Zum Abschluss des Tages sind wir noch durch das Rotlichtmilieu in Kabukicho gewandert. Da wir ein Rotlichtbezirk wie in Amsterdam erwartet hatten, wurden wir leicht enttäuscht. Es hat zwar auch viele Afrikaner, die haben einem aber keine Drogen angeboten, wollten einen jedoch unbedingt in ihre zwielichten Etablissements locken. Dazu viele besoffene Geschäftsmänner. Die einzigen, die nicht frei herumlaufen, sind die Prostituierten. Und um die gehts ja eigentlich...
Am Donnerstag war der Westen Tokyos dran. Shibuya ist wohl der belebteste Teil Tokyos. Nach den vielen Leuchtreklamen und Videoschirmen sind wir kurz durch den Love Hotel Hill gewandert, der allerdings nicht ganz das gehalten hat, was der Reiseführer versprochen hat. Danach sind wir dem Vorschlag unserer Gastmutter gefolgt und haben einen Rundgang im NHK-Studio gemacht. Der Teil, den wir verstanden haben, war durchaus interessant. Man konnte sogar live-Shows beobachten und selber bei 'staged shows' mitmachen. Da allerdings ziemlich viele Schulklassen unterwegs waren, haben wir das mitmachen den Kindern überlassen und auf das jeweilige anstehen verzichtet.
Anschliessend sind wir durch den Yoyogi-Park spaziert. Im Yoyogi-Park soll es regelmässig Versammlungen von Cosplay-Fanatikern geben. Als Cosplay beziechnet man das detaillierte Verkleiden nach Vorbild von hauptsächlich Manga-Charakteren. Leider haben wir nur ein paar Studenten gesehen, die für eine Theateraufführung geprobt hatten. Wir nahmen uns deshalb vor, am Wochenende nochmals herzukommen.
Gleich neben dem Yoyogi-Park befindet sich Meiji-Jingu, der wohl wichtigste Schrein in Tokyo aus der Meiji-Ära. Dort konnten wir wieder einmal das Verhältnis der Japanern zur Religion begutachten: vor unserer Reise dachte ich, dass Japan ein sehr fortschrittliches Land sei und die Religion eher nebensächlich sei. Dem ist aber überhaupt nicht so. Die Japaner spenden den Buddhistischen Gottheiten vor jedem Gebet Geld, opfern praktisch an jeder Statue ein paar Yen, stellen den ihnen Sake und Bier zur Verfügung. Sie bezahlen sogar dafür, dass sie ihre Gebete an Bäumen aufhängen dürfen. Naja, jedem das seine.
Nachdem wir vor dem Regen in ein Kino geflohen sind ('Be Kind, Rewind', witzige Komödie), haben wir noch den Tokyo Tower beklettert, von welchem man eine schöne Rundumsicht auf die Stadt hat. Vor allem bei Nacht ist die Sicht wirklich lohnenswert.
Am Freitagmorgen haben wir uns ziemlich früh in Richtung Tokyo aufgemacht, mit dem Ziel den Tsukiji-Fischmarkt zu besuchen. Leider hatten wir keinen Zug um bereits um 5 Uhr morgens für die Fisch-Auktion vor Ort zu sein, aber auch der anschliessende Markt war absolut sehenswert. Überall wurden Fische, Krabben, Muscheln und anderes Seegetier an die Shops und Restaurants verkauft. Zwischen den Ständen zischten kleine Transportkarren durch um die Ware hin- und her zu transportieren. Nachdem wir genug Fische gesehen hatten, wollten wir auch welche essen. Also sind wir zur nächsten Preiswerten Sushibar gelaufen und haben den wohl frischsten Fisch zum Frühstück gegessen.
Nachdem wir zu Hause unsere Wäsche gemacht haben, haben wir uns entschieden, den Abstecher nach Kamakura auf Samstag zu verschieben, da das Wetter immer noch ziemlich schlecht war. wir sind am selben Abend aber noch an den Hafen von Yokohama gefahren. Dort gab es eine Art Chilbi mit einer kleinen Achterbahn, einem Riesenrad und einigen weiteren Attraktionen. Das Riesenrad verfügte über eine Lichtshow, die man bis nach Tokyo sehen kann. Nach dem für Japanische Verhältnisse recht grossen Steak sind wir dann nach Hause gefahren, resp. gelaufen. Dh. wir haben einen Bahnhof gesucht und sind dafür ziemlich lange gelaufen, bis wir einen gefunden hatten. Nachdem wir dann noch zweimal in die falsche Richtung gefahren sind, haben wir es dann doch noch nach Hause geschafft.
An unserem letzten ganzen Tag in Japan sind wir südwärts nach Kamakura gefahren. Kamakura war Anfangs des letzten Jahrtausends einmal kurz die Hauptstadt von Japan. Als Überbleibsel sieht man eine grosse Anzahl von Schreinen und Tempeln. Den wichtigsten - Engagku-ji - haben wir gleich zu Beginn besucht. Neben ein paar Häusern und ein paar schönen Gärten beinhaltet er ebenso eine grosse Glocke, die sogar unter Denkmalschutz steht. Der zweite Tempel war seine 100 Yen Eintritt absolut nicht wert, da es ausser dem geschichtlichen Hintergrund überhaupt nichts interessantes zu erfahren gab. Dafür haben wir kurz darauf das erste Mal auf unserer Reise einen Schweizer getroffen, mit dem wir nicht bewusst abgemacht haben. Es scheint also doch noch welche zu geben, auf der anderen seite der Erde. Nach diesem kurzen Treffen haben wir eine kleine Wanderung zum Zeniarai-benten gemacht. Wer in diesem Tempel sein Geld wäscht, soll es der Legende nach vervielfacht zurückbekommen, sobald er es einmal ausgibt. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen, da wir auf unserer Reise auf jeden Cent angewiesen sind. Nach diesem Akt der Gier haben wir den zweitgrössten Buddha in Japan besichtigt (den grössten hatten wir bereits in Nara gesehen) und haben unseren letzten asiatischen Tempelbesuch getätigt. Der Tempel war ganz interessant, da er mit tausenden von kleinen Statuen verziert war.
Nach Kamakura sind wir wieder in Richtung Shibuya gereist, in der Hoffnung nun endlich die Cosplay-Leute zu sehen. Da es aber bei unserer Ankunft bereits dunkel war, konnten wir keine lustig verkleideten Leute mehr ausmachen. Dafür haben wir noch eine Art Feed-The-Earth-Festival entdeckt. Ich bin eigentlich nicht so ein Fan von so alternativen Conventions, aber die Musik ist meistens gut und so war es auch da, als eine Band eine starke Percussion-Performance hingelegt hatte.
Nach Shibuya sind wir dann noch nach Ropongi, wo wir endlich wieder einmal ein paar Bier geniessen konnten. Daher können wir auch noch ein Fazit ziehen: Der Japaner unter 30 scheint nicht in den Ausgang zu gehen, resp. verbringt ihn in Spielhallen oder auf der Strasse mit herumlaufen. Das hat wohl zum einen damit zu tun, dass sich wohl niemand in dem Alter regelmässig Ausgang in Japan leisten kann und wohl auch damit, dass es in den Japanischen Grossstädten keine Nachtbusse/-subways/-züge gibt. Es gehen also alle um 11 Uhr wieder nach Hause. In Bars - wenn man überhaupt welche findet - findet man meistens ältere Japaner oder Touristen. Das sah in Korea definitiv anders aus. ;-)
Am Sonntag hiess es dann Abschied nehmen von unseren Gasteltern, die sich so liebevoll um uns gekümmert haben, von Japan und auch vom ganzen Ostasiatischen Raum, in welchem wir die letzten knapp zwei Monate verbracht haben.
Fast wäre der Abschied noch in die Hose gegangen, weil wir anstatt einen Fahrplan anzuschauen einfach in den erstbesten Zug gestiegen sind, welcher in Richtung Flughafen gefahren ist. Dummerweise kehrte der dann ein paar Stationen vor Schluss wieder um und wir konnten eine Stunde auf einen Anschlusszug warten. Wir konnten zum Glück gerade noch zum 'Last Call' zum Check-in hüpfen und erwischten unseren Flug nach Auckland, NZ.
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2 comments:
When you're walkin' down the street...
... and you see a little ghost...
... whatcha gonna do about...
Fischmärt? Was isch das? Chamer det Borisses oder Erics chaufe? :)
Hoffe ja schwär, dass ihr det es T-Shirt mit em Ufdruck "Stop Whaling" agleid hend ^^
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